Nichts großartiges - aber auch nicht artig!


Copyright D. Klose


Do not disturb

„Schon wieder eine Kanne Tee für’n Arsch“, fluchte John Petterton MacLaughtey, genannt das Maultier, und das nicht etwa wegen einer Vorliebe für Esel, sondern wegen seines im Umkreis von 50 Meilen (von denen 20 Meilen zwar unbewohnt waren, 50 allerdings beeindruckender klangen) gefürchteten Mundgeruchs, als er dem Hämmern an seiner Tür genervt auf den Grund gehen wollte.

Stets waren es verirrte Wanderer, welche seine Ruhe störten und diese Opfer des neuzeitlichen Grenzerfahrungstrends erwiesen sich als besonders hartnäckig, denn sie zeigten die größte Ausdauer, die MacLaughtey erleben musste, seitdem er sich auf den Berg zurückgezogen hatte. Wie lange seine Flucht ins Einsiedlertum bereits zurück lag, wusste er allerdings nicht mehr. Immerhin wuchsen ihm damals noch mehr Haare oberhalb der Stirn als heute unterhalb und überdies war das Mundwasser bereits erfunden worden, da man ihn bei jeder Gelegenheit anonym damit zu beschenken wusste. MacLaughtey hasste die Erinnerungen an all die Atemfrische versprechenden Präsente. Noch unerwünschter aber waren ihm alle Menschen, die ihn beim genauen Abzählen der sechsein

halb Minuten Teeziehzeit durcheinander brachten.

Zu allem Überfluss war es heute bereits die zweite Kanne, deren kostbarer Inhalt die Wiese küssen würde, da ihn mittags explosionsartige Darmaktivitäten nach der halben Zählzeit zum Aufgeben zwangen. Echte Maultiere sind stur und so war auch MacLaughtey wenn es um Tee ging.

Nun aber auch noch Bergwanderer, die Einlass in sein Heim begehrten. Egal wie alt er war, MacLaughtey fühlte sich jedenfalls zu alt für das. Mürrisch öffnete er die massive Holztür, doch bevor er etwas sagen konnte beförderte ihn unsanft ein mannshohes Bündel zu Boden. Erst Minuten später wich die Überraschung dem Schmerz und auch all die wild tanzenden Sterne vor seinen Augen einem klarer werdenden Bild. Er begann mehr als nur altersbedingt am eigenen Sehvermögen zweifeln.

„Scheiße, bin ich schon tot und hab’s nicht bemerkt?“ murmelte er, während er den Haufen Körperteile, der seine Beine umklammerte, ausgiebig betrachtete. Einige dieser Extremitäten waren definitiv nicht die eigenen und sie piekten ebenso unangenehm wie zu alte Daunenkissen. Ein leises Aufstöhnen, dann wurde eine Stimme vernehmbar, die „Luftpost, Sir…“ säuselte. Unerwartet unterbrach ein schnarrendes Lachen ihre Lethargie.

„Was ist kälter, dein Hintern oder der Boden?“ krächzte es hinter MacLaughtey. „Ist es dein Po, willkommen im Sterben.“

Der alte Mann erschrak. „Witzig!“ knurrte er.

„Nimmst es ja ziemlich gelassen, dass gerade zwei Engel vor deiner Haustür zusammengekracht sind. Respekt.“

MacLaughtey drehte sich vorsichtig um und entblößte mit einem Grinsen zwei Reihen schwarzer Zahnstummel. „Ich hab mir eben ans Bein gepinkelt, also weiß ich, dass zumindest ich noch lebe.“

Der Engel schüttelte den Kopf und deutete auf den Ursprung der Pfütze.

„Es tut mir leid, aber das war nur Kesselwasser.“

So erhob MacLaughtey vorsichtig seine alten Knochen, schloss die Haustür und stellte den Teekessel zurück auf den Tisch. Er hatte ihn die ganze Zeit unbemerkt in der linken Hand gehalten und beim Sturz den letzten Rest Wasser verschüttet. Wenn schon Menschen störten, so irritierte ihn die Anwesenheit dieser Engel erst recht, vor allem, da nun eine lautstarke Diskussion zwischen beiden unirdischen Hausfriedensbrechern begann, wer die Schuld am Zusammenstoss zu tragen hätte. MacLaughtey schüttelte den Kopf. An einen Herrgott, der Hirn vom Himmel schicken würde, hatte er noch nie geglaubt und nun fühlte er sich in seinem Unglauben wieder einmal bestätigt. Tee hatte er allerdings immer noch keinen.

„John Petterton MacLaughtey?“ fragte der Engel, welcher auf den greisen Beinen des Angesprochenen gelandet war. MacLaughtey nickte. Krächzstimme merkte an, geruchstechnisch wären alle Bedenken hinsichtlich der Identität MacLaughteys ausgeschlossen. Im Anschluss hustete er auf dramatische Weise, um den nötigen Nachdruck zu geben.

„Gut“, bestätigte der andere Engel. „Ich fahre fort. Endpunkt der weltlichen Existenz war vor ungefähr dreieinhalb Erdenstunden. Todesursache Darm-“

„Moment!“ unterbrach MacLaughtey. „Wenn ich tot sein sollte, warum bin dann noch hier?“

Beide Engel schauten ein wenig beschämt in eine jeweils andere Ecke des Raumes. Offensichtlich war jedem etwas sehr unangenehm, laut auszusprechen. Während Krächzstimme leise undefinierbare Laute nuschelte, ergriff sein Gefährte schließlich beherzt das Wort.

„Mein Name ist Gabriel. Auszubildender des himmlischen Einwohnermeldeamts, Abteilung Nordeuropa. Ich bin hier um Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Antrag auf Einbürgerung leider abgelehnt worden ist. Revision hätte innerhalb einer Erdenstunde zu Protokoll der Geschäftsstelle eingereicht werden müssen.“

MacLaughteys Hand griff automatisch zur Tasse auf der Anrichte neben dem Ofen, doch diese war wie erwartet leer. Wunderbar, gerade für tot erklärt worden zu sein und noch nicht einmal Tee zum Begießen zu haben. Mürrisch blickte er den anderen Engel an. „Und du?“

Krächzstimme räusperte sich. „Ich will es kurz machen. Ich bin Garamel, Gabriels Kollege von… der anderen Seite.“

MacLaughtey schaute ihn ungläubig an. „Für die Hölle hätte ich also auch einen Antrag ausfüllen müssen? Das wird ja immer besser. Kann ich noch Hindu werden? Als Stechmücke wäre ich lieber wiedergeboren worden als in dieser Bürokratie.“ Ihn plagte das unbändige Verlangen, seinen Keramikbecher auf die Köpfe der Engel zu schleudern. Doch mit nur einem möglichen Wurf hätte er schlecht beide treffen können und bevor er sich entscheiden konnte, welcher ihn mehr belästigte, räusperte sich Gabriel: „Ehrlich gesagt, dass mit dem Verwaltungsapparat ist nur eine Ausrede. Meine Vorgesetzten haben die Befürchtung, Ihr etwas strenger Atem verderbe das himmlische Manna.“

„Manna, soso“, brummte MacLaughtey, „was mach ich dann erst in der Hölle kaputt? Ich bin anscheinend dumm gestorben, aber ich würde das gerne noch revidieren.“

Garamel hustete. „Sie würde explodieren. Wegen des Gasgemischs.“

MacLaughtey pfiff unbeeindruckt durch die Zähne. „In der Hölle, gibt es dort Tee?“ Garamel verneinte.

„Dann interessiert es mich auch nicht, was mit dem Teufel passieren wird.“

Entschlossen stand MacLaughtey auf und schlurfte in die Kochecke, Brennholz nachlegen und frisches Wasser aufsetzen.

„Aber was machen wir jetzt mit MacLaughteys Seelenheil?“ unterbrach Gabriel die Stille.

„Seele, einfach nur Seele, nichts mit Heil“. korrigierte Garamel und warf seinem Kollegen einen finsteren Blick zu. „Ich kann mich jedenfalls nicht mehr zu Hause blicken lassen, wenn ich ihn im Schlepptau habe.“

Gabriel nickte, ihm würde es genauso ergehen. „Der Lehrstellenmarkt bei uns ist auch sehr knapp, ich will meinen Platz nicht verlieren.“

„Mir ist meine Seele egal!“ zeterte MacLaughtey. „Ich will lediglich meine Ruhe. Und endlich meinen Tee!“

Gabriel schüttelte den Kopf. „Er will keine Gesellschaft. Meine letzte Idee wäre ein irdisches Asylgebiet gewesen, Mururoa vielleicht. Aber dort ist es überfüllt von Sekten.“

Garamel kratzte sich am Kopf. „Folglich haben wir die Wahl den Himmel verhungern oder die Hölle explodieren zu lassen.“ Er fasste sich an die Stirn und senkte die Stimmlage. „Mein Kopf schmerzt bereits, weil er so stinkt. Ich kann mich gar nicht konzentrieren.“

„Puh“, stimmte Garamel mit ein, fächelte sich so dezent wie möglich frische Luft mit der Handfläche zu und blickte seinen himmlischen Artgenossen ernst an. „Es wäre im Grunde gleich was geschehen würde, ohne die ewige Balance zwischen unseren Welten würde alles zerstört werden.“

Gabriel begann zu zittern. „Was machen wir denn nun? Ein heiliges Jahr Vorpraktikum, eine Dekade Ausbildung und nun treibt uns so ein hartnäckiger Mensch in die Enge?“

„Nun ja“, antwortete Garamel. „Es ist zwar verboten, aber seit wann hält sich die Hölle an Gesetze? Wir lassen ihn einfach hier in der Wildnis zurück. Tot oder Lebendig, es wird niemandem auffallen, denn bei dieser Luftverpestung kommt kein Wesen hierhin.“

Gabriel lächelte erleichtert. „In Ordnung, aber du übernimmst die Verantwortung!“

Bevor MacLaughtey realisiert hatte, welcher Plan gerade in seiner Hütte geschmiedet und in die Tat umgesetzt wurde, stürmten beide Engel wie von der Tarantel gestochen zur Tür hinaus. Immerhin hatten sie keine Kleidung mit aufgestickten Wolfstatzen aus Lederimitat getragen, fuhr es ihm durch den Kopf. Nun aber erst einmal Tee, in aller Ruhe.

Als MacLaughtey am nächsten Morgen aufstand, war beinahe alles wie gehabt. Beinahe, denn während er geschlafen hatte war jemand in seiner Hütte gewesen und hatte einen Brief auf der Anrichte zurückgelassen. MacLaughtey schlürfte seinen Morgentee, öffnete das Kuvert und begann zu lesen.

Lieber John,

grandios wie immer, altes Maultier! Konnten Dich leider nicht rechtzeitig informieren, für das nächste Jahr geloben wir Besserung. Die Blicke der Lehrlinge waren es auch dieses mal wieder wert. Tee steht wie gehabt in Jutesäcken drüben im Schuppen.

Mit Gruß,

die alten Herren Ausbilder aus dem Jenseits.







Anna

Kleine Warnung:

Diese Kurzgeschichte trieb sich einmal in einer Oktobernacht in meinen Gedanken herum. Sie stimmt sehr traurig, weswegen ich sie auch erst niederschreiben musste, bevor ich einschlafen konnte.







"117", war das erste Wort, das Anna an ihrem achten Geburtstag vernahm. Keine Glückwünsche wie die Jahre zuvor, seit dem sie wußte, was ein Geburtstag bedeutete und daß man dieses Ereignis feierte. Keinen Teddybär, auch keine Schokolade. Selbst die Mama schaute sie traurig an und schwieg.

"Keene besondere Begabung?" zischelte der Mann im Weißkittel. Anna umklammerte die Hand der Mutter noch fester.

"Na, spielt es Klavier? Komponiert es Opern? Mathematik? Häm?"

"Sie malt ein bißchen", murmelte die Mutter und zog aus ihrer Tasche eine von Annas kindlichen Zeichnungen hervor: Bäume, Hund und Sonne. Wachsmalkreide auf Papier.

Der Weißkittelmann schüttelte den Kopf: "Näää, also ohne 120 is nichts. Erstes Kind isses auch nicht..." Anna bemerkte, wie der sonst so warme Griff der Mutter plötzlich einer eiskalten Umklammerung glich. Sie fürchtete sich wieder. Dabei war es so schön, die Mutter heute Morgen wieder zu sehen, nachdem die Weißkittelmenschen sie doch so lange untersucht und gefragt haben. Und sie hatte heute doch Geburtstag!

Der Mann überflog die Daten auf seinem Bildschirm und murmelte etwas von Krankheiten. Anna verstand die fremden Worte nicht, daß einzige was sie aufschnappte war das Wort "Husten".

"Näää, zu mickrig isses auch noch. Wat soll soll et denn packen können? Und Asthma auch noch. Et ist schad das es so knapp is, aber reicht nunmal nicht für die Zukunft unseres Landes. Net kluch genug, schad."

Anna blickte verwirrt. Der Mann tippte etwas in seine Tastatur, es folgte eine leise Geräuschfolge an einem Gerät. Der Aparat neben ihnen spukte einen Aufkleber aus.

"Sticker!" platze es aus Anna heraus. "Ist da Micky Maus drauf?"

"Nein, mein Schatz..." entgegenete die Mutter, ohne das sich ihre Lippen bewegten. "Oh", seufzte Anna, "schade."

Dann hatte der Weißkittelmann Anna den Aufkleber auf die Stirn gedrückt. Sie fand das lustig. Doch die Mutter lachte heute nicht, sie war so ernst. Neugierig schaute sie auf den Weißkittel, der der Mutter einen Trinkbecher und eine Tablette aushändigte. "Wir merken, wenn Se ohne zu schlucken hier raus wollen", sagte er. "Nu, runter damit und austrinken. Dann haben Se noch ne halbe Stunde vors losgeht. Schmerztabletten sind alle, haben Engpass. Da müssen Se leider so durch."

Die Mutter trank. Bevor sie den Becher geleert hatte, ließ sie Annas Hand los. Ein starrer Blick, kein Lächeln. Es war das letzte was Anna sah, als die Weißkittelfrauen sie fortrissen. Sie wollte nicht weggehen und schluchzte, aber eine Frau deutete auf eine Gruppe Kinder hinter einer dicken Glasscheibe. Sie wären alle heute da, um Geburtstag zu feieren. Und tatsächlich gab es Kuchen und einen Micky Maus Luftballon für jeden. Sie lernte viele Kinder kennen und alle wurden heute acht Jahre alt. Anna fand das doof, denn dann war ihr Geburtstag ja nichts besonderes mehr. Und sie vermißte die Mutter, als die Luftballons uninteressant wurden. Sie schaute sich suchend um, doch es gab nur Weißkittelfrauen und keine Mama.

"So, genug für heute!" brüllte eine von ihnen. "Ab zum Waschraum und danach geht's ins Bett!" Neben Anna weinte ein Junge, ein anderes Kind schrie nach seiner Mutter.

"Kommt mit!" zischelte eine besonders unfreundlich aussehende Weißkittelfrau. Sie folgten. In Annas Hals wuchs ein Kloß und ihr Bauch schmerzte vom Kuchenessen.

Sie sollten sich ausziehen, Mädchen und Jungen zusammen. Anna sah zum ersten mal den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Obwohl sie es komisch fand, fühlte sie sich nicht danach, es lustig zu finden. Scheinbar ging es allen so, denn niemand lachte.

Die Duschen sahen aus wie in der Schulturnhalle. Die Weißkittelfrauen verließen den Raum und schlossen die Türen. Anna blickte sich um. "Heh? Hier fehlen ja die Handtüch..." war das letzte, was Anna an ihrem achten Geburtstag hörte. Es waren ihre eigenen Worte.




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